„Schweigende Kinder trauen sich mit Apps eher etwas zu sagen“

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Apps helfen nicht nur, unseren Alltag zu gestalten oder sich die Zeit zu vertreiben. Apps können auch helfen. Wie im Falle von Apps, die mit der Stimme arbeiten. Anja Starke ist klinische Linguistin in Dortmund und arbeitet mit schweigenden Kindern – die durch Monsterstimmen wieder Spaß an Sprache finden.

Die Interviewpartnerin: Anja Starke arbeitet und promoviert an der TU Dortmund im Fachgebiet Sprache und Kommunikation. Ihren Bachelor absolvierte sie dort im Fach Rehabilitationspädagogik. Ihren Master schloss sie im Fach Klinische Linguistik an der Universität Bielefeld an. Währenddessen arbeitete sie bereits als Sprachtherapeutin in verschiedenen Institutionen und bildete dort ihren Therapie- und Forschungsschwerpunkt des selektiven Mutismus aus. Ihre Promotion befasst sich mit dem Zusammenhang von Mehrsprachigkeit und selektivem Mutismus. Bei selektivem Mutismus handelt es sich um eine emotional bedingte Kommunikationsstörung, bei der Betroffene in bestimmten Situationen oder gegenüber bestimmten Personen schweigen.

Sie sind klinische Linguistin. Was hat das mit Apps zu tun?

Eine klinische Linguistin ist – das vorweg – eine an der Uni ausgebildete Sprachtherapeutin. Der Beruf allein und auch das Studium an sich haben erst einmal überhaupt nichts mit Apps zu tun. Ich selbst aber habe seit einigen Jahren iPhone und iPad und mich in dem Zuge zunehmend auch mit Apps für Kinder beschäftigt. In meinem beruflichen Alltag hab ich bereits viel mit computergestützten Programmen in der Sprachtherapie gearbeitet. Da lag es nahe, sich mit dem Einsatz von verschiedensten Apps in der Therapie bei Sprachproblemen zu beschäftigen.

Die Interviewpartnerin: Anja Starke.

Die Interviewpartnerin: Anja Starke.

Welche Sprachfehler und Krankheitsbilder können mit Apps denn überhaupt behandelt werden?

Derzeit ist der Markt für therapeutische Apps noch sehr jungfräulich. Meines Wissens gibt es noch keine ausgereiften Apps von den üblichen Therapieverlagen, die wir in der Sprachtherapie so kennen. Dennoch findet man im App Store eine Menge Angebote für Kinder, die man sinnvoll in der Sprachtherapie nutzen kann. Vor allem für Schulkinder sind schon zahlreiche Apps zum Beispiel für das Lesen lernen vorhanden. Grundsätzlich könnten Apps bei allen Sprachstörungen eingesetzt werden. In der Sprachtherapie geht es viel darum, sprachliche Phänomene verstehen und anwenden zu lernen. Das wurde bereits in zahlreichen Computerspielen umgesetzt. Was jetzt noch fehlt, sind die App-Entwickler, die sich diesen Markt erschließen. Das Potenzial erscheint mir zumindest sehr hoch.

Wofür nutzen Sie die Apps?

Ich selbst nutze Apps derzeit vor allem in der Therapie schweigender Kinder. Mein Therapie- und Forschungsschwerpunkt ist der so genannte selektive Mutismus. Dies ist ein Störungsbild, bei dem Kinder in ganz bestimmten Situationen schweigen, obwohl sie eigentlich sprechen können. Typischerweise sieht es so aus, dass die Kinder zuhause mit ihren Eltern und Geschwistern völlig normal und meist wie ein Wasserfall sprechen. Im Kindergarten oder in der Schule schweigen sie jedoch konsequent. Manche Kinder sprechen nicht einmal mit ihren Freunden. Sie machen dies nicht aus Trotz oder weil sie den Erwachsenen ärgern wollen; das Sprechen außerhalb ihres Zuhauses ist aber ein unüberwindbares Hindernis für sie. Diese Kinder müssen lernen, dass sich das Sprechen auch außerhalb lohnt. Sie müssen Spaß daran entwickeln, mit Sprache umzugehen, und vor allem lernen, wie man sich kommunikativ außerhalb von zuhause verhalten sollte. Dies ist dann Aufgabe der Sprachtherapie. Neben dem Stärken des Selbstbewusstseins und dem Erlernen neuer Rollen in der Kommunikation, steht der Aufbau der Sprechanteile des Kindes im Mittelpunkt. Und gerade hier können Apps sinnvoll eingesetzt werden.

Welche Apps benutzen Sie genauer? Und warum?

In der Arbeit mit schweigenden Kindern nutze ich vor allem Apps, die sprachlichen Input erfordern. Meist fange ich ganz vorsichtig mit der Kerzen-App (Free Candle) an. Die App kennen die meisten sicherlich: Sie hat ein einfaches Prinzip: durch Pusten geht die Kerze auf dem Bildschirm aus. Dabei muss ein gewisses Pustegeräusch erzeugt werden. Für schweigende Kinder ist dies bereits ein großer Schritt – mit dem Mund ein Geräusch erzeugen. Zudem kann das Geräusch durch einfaches Anhängen eines Vokals erweitert werden – aus „fffff“ wird „fffffuuuuuu“ – das ist schon fast ein Wort! Hat das Kind diesen Schritt geschafft, eröffnet sich ein ganzes Spektrum weiterer Apps. Zum Beispiel die bekannten Apps mit sprechenden Tieren, wie etwa die Giraffe Gina (Talking Gina). Diese App arbeitet mit Sprachaufnahmen, die verändert wieder ausgegeben werden können. Gina spricht einem immer alles nach – und das auch noch in einer witzigen Stimme.

Haben Sie eine App, mit der Sie am liebsten arbeiten?

Ja, das ist My Monstervoice. Auch sie nutzt das Prinzip der Veränderung von Sprachaufnahmen. Fünf Monster stehen einem dort zur Verfügung, in die man quasi hineinschlüpfen kann. Little Boo, Vivo und Slime haben eher hohe Stimme, Big Al und Bubbles sprechen in einer sehr tiefen Stimme. Hat man ein Monster ausgewählt, kann man eine kleine Sprachaufnahme anfertigen und sie sich dann wieder abspielen lassen. Das Eingesprochene wird stimmlich entsprechend höher oder tiefer. Diese Veränderung der Stimme macht den Kindern einerseits enorm viel Spaß und führt andererseits dazu, dass sich gerade die schweigenden Kinder eher trauen etwas einem anderen mitzuteilen. Denn es ist ja nicht die eigene Stimme, die abgespielt werden. So können die Kinder langsam zum Sprechen innerhalb der Therapie geführt werden.

Wie wird in der Therapie dann mit der App weiter gearbeitet werden?

Die Kinder lernen sehr schnell, wie sie eigenständig die Sprachaufnahmen machen können. Die Therapeutin kann also für die Zeit der Aufnahme den Raum auch zunächst verlassen. So hört sie nicht die reale Stimme des Kindes, sondern zunächst nur die veränderte von Little Boo. Dies hilft vielen Kindern, den schwierigsten Schritt zu machen, das erste Mal die Stimme im Raum zu zeigen. Aufbauend kann es den Kindern dann auch gelingen, mithilfe der App fremde Leute anzusprechen: wir sprechen etwas auf das iPad auf und gehen damit nach draußen und fragen zum Beispiel mit der Stimme von Big Al fremde Personen wie spät es ist.

Und was sagen die Kinder zu solchen Hilfsmitteln wie dem iPad?

Die Kinder sind bislang durchweg begeistert vom iPad und fordern dies regelmäßig ein. Ob wir gemeinsam ein Wimmelbuch anschauen, in dem man Fehler suchen muss, oder mit den Monsterstimmen spielen. Das iPad an sich hat bereits hohen Aufforderungscharakter.

Was sagen die Eltern zu dieser doch recht neuartigen Therapiemethode?

Einige Eltern nutzen bereits ihre eigenen iPhones und iPads für ihre Kinder und können sehr schnell nachvollziehen, wie und warum bestimmte Apps in der Therapie verwendet werden. Allen anderen kann man meist durch Vorführen sehr schnell vermitteln, was wir mit der App in der Therapie genau machen. Bislang habe ich noch keine Eltern erlebt, die dem Einsatz des iPads in der Therapie kritisch gegenüber standen.

Wo liegt generell ein Vorteil der Vorteil von Apps?

Der Vorteil von Apps – beziehungsweise in diesem Fall des Einsatzes von Tablets – in der Therapie ist eindeutig der hohe Aufforderungscharakter und die einfache Bedienung. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell Kinder mit dem iPad zurechtkommen und es selber bedienen können. Durch den großen Spaß, den das Spiel mit den Apps den Kindern meist bereitet, merken sie meist gar nicht, dass sie üben. Sprachliche Aufgaben können spielerisch verpackt werden. Die Kinder sind motiviert, die Spiele immer wieder zu spielen, so dass eine häufige Wiederholung des gleichen Lerninhaltes erreicht werden kann.

Eignen sich Apps generell, um mit Kindern das Sprechen zu üben?

Generell lernt man Sprechen vor allem durch den Kontakt mit anderen Personen. Die natürliche Kommunikation zwischen Eltern und Kindern oder zwischen den Kindern untereinander ist immer noch der beste Weg zum Sprechen lernen. Aber Apps können Sprechanlässe geben oder ganz spezifische Fähigkeiten der Kinder trainieren.

Wenn ich mit meinem Kind das Sprechen anhand einer App trainieren möchte: Worauf muss ich dabei achten?

Beim Einsatz von Apps mit Kindern ist immer darauf zu achten, dass man diese mit Bedacht auswählt und die Kinder begleitet. Für Eltern sind insbesondere die vielen Angebote interaktiver Kinderbücher tolle Möglichkeiten, mit dem Kind gemeinsam auf Entdeckungsreise zu gehen. Hier bieten sich viele Anlässe, mit dem Kind Geschichten zu erzählen, Dinge zu erklären, darüber Sprache zu lernen und dann auch miteinander ins Gespräch zu kommen.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

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