Meinungen

#Neuland: Die Entdecker der digitalen Welt

Angela Merkel hat das Internet „Neuland“ genannt und für eine Welle der Empörung gesorgt. Ganz Twitter revoltierte, erhob die Fäuste, bei Facebook schimpfte man über die offenbar zurückgebliebene Kanzlerin. Dabei liegt sie eigentlich gar nicht so falsch – und rannte dennoch als die, die durchs digitale Dorf getrieben wurde.

Das hatte Angela Merkel wohl nicht erwartet. Da sprach sie unbedacht vom Internet als „Neuland“ und all die, die sich täglich in diesem Ding bewegten, schrien auf. Twitter barst über, so dass selbst der Mute-Filter seinen Geist aufgab und immer wieder Tweets in die Timeline spülte. Bei Facebook sah es ähnlich aus und es blieb nur eine Möglichkeit, diesem Thema aus dem Weg zu gehen: Internet aus!

Nein, mit Angela Merkel können wir wenig anfangen; wir sind keine zweite Marusha, die sich unsinnierend zur Kanzlerin äußerst. Aber wir beobachteten diesen Aufschrei der Empörung, diesen neuerlichen Beweis unserer Theorie der durchs Dorf getriebenen Sau mit Befremden.

Diese merkwürdige Internetgemeinschaft, die glaubt, dass jeder wie sie denken würde, sich über das Fantum einer offensichtlich der Realität entrückten Musikerin lustig macht und gleichzeitig bei Twitter Menschen zur Elite erhebt und sich als Pioniere im Internet sieht – diese Menge eskaliert unreflektiert und mit brachialer Gewalt im Angesicht des Wortes „Neuland“? Was wäre denn ein Pionier, wenn es nichts mehr zu entdecken gibt?

Nun sicherlich: das Internet ist nicht neu. Aber es ist wie ein Land, kurz nach der Entdeckung. Mit unentdeckten Spielwiesen, mit offenen Möglichkeiten – zumal: bisher hat nicht jeder dieses Land betreten. Ein Teil der redakteurseigenen Verwandtschaft lebt internetlos auf dem Land, von Facebook hörte man vielleicht einmal etwas in den Nachrichten, die man im Fernseher um 19 oder 20 Uhr sieht. Nicht als Stream im Internet. Und eine Keynote?  Twitter? Instagram? Foursquare? Eine App? Ich bitte Sie! Hören Sie sich einmal um, schauen Sie nicht nur über den Tellerrand, verlassen Sie einmal den Teller derer, die 24/7 im Internet unterwegs sind.

Wir diskutieren das Leistungsschutzrecht, über Netzneutralität, hadern mit der Privatsphäre und der schwindenden Kontrolle unserer eigenen Daten. Wir erörtern leidenschaftlich, wen und was man im Internet zeigen darf. (Aktuell: Sind nackte Brüste im Internet erlaubt, wenn sie doch nur ein journalistisches Anliegen unterstützen sollen?) Wir streiten uns darüber, ob und wie man seine Kinder zeigt, warten auf Google Glass und die Piraten stellten fest, dass das mit dem Abstimmen im Internet vielleicht doch gar nicht so gut läuft, wie sie es erwartet hatten. Wir merken, dass Staaten uns systematisch überwachen (Prism! NSA!), werden Teile von digitalen Protestbewegungen und erfahren erst langsam, was es bedeutet, sich über das Netz zu organisieren.

Das zeigt: Es gibt noch genügend Diskussionsbedarf. Es gibt Teile im Internet, die haben ihre Struktur gefunden. Aber es sind dort eben auch Teile, die erinnern an Länder während der Entdeckung. Unbewohnt oder nur von manchen bevölkert. Ohne feste Regeln, Orte, an denen sich alle ausprobieren.

Ist es nicht das, was wir alle am Internet so sehr lieben? Dass wir in unseren Blogs eigene Territorien errichten können, wir am Aufbau neuer Netzwerke beteiligt sind, zusehen, wie sich Portale entwickeln (Sehen Sie sich AppTalk an!) und innovative Ideen für Erstaunen sorgen. Dass wir alle Pioniere in Bereichen sein können? Das ist der Reiz hinter 90elf gewesen, ist der Grund, warum DetektorFM einen Preis nach dem anderen holt, die Begründung für immer mehr Start-Ups, die ihre Nische im Internet gesucht und oftmals gefunden haben.

Das Internet ist kein absolutes Neuland, aber es ist auch kein – wie suggeriert – komplett erobertes und in allen Winkeln strukturiertes Gebiet. Die Empörung über den Begriff „Neuland“ ist einmal mehr wieder nur eine Empörungswelle, auf der jeder einmal mitsurfen wollte. Und bei näherer Betrachtung ist es nur ein laues Lüftchen; die Meuterei der Pioniere, die wieder einmal einen Grund suchten, der endlosen Langeweile des Alltags zu entfliehen. Und sei es nur einen Hashtag, eine Jagd durchs Dorf, eine Welle lang.

Titelbild: Screenshot App Store

1 Kommentar zu “#Neuland: Die Entdecker der digitalen Welt

  1. Svente Fox

    Das Problem mit #Neuland ist, dass bereits Realitäten geschaffen wurden. Es ist nicht so, dass man sich die nächsten Jahre lässig zurücklehnen und die Entwicklung beobachten kann.

    Man stelle sich die Entrüstung vor, jeder Brief im Briefkasten sei schon geöffnet.

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