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Kinderfotos im Netz – einfach mal nachdenken

Der Sohn beim Baden, die Tochter beim Sonnen: Wir zeigen von unseren Kindern ständig Bilder im Interne – aber muss das wirklich sein?

Vor einiger Zeit fuhr ich mit der Mitfahrgelegenheit; man unterhielt sich über das, was wir beruflich machen. Mein „Ich mache was mit dem Internet und schreibe darüber“ brachte meinen sympathischen Mitfahrer zu dem Satz: „Schreib mal bitte über Eltern, die ständig Fotos von ihren Kindern posten.“

Dabei ist das Thema ja nicht neu, es gibt ungezählte Artikel, warum man nicht ständig Bilder des Nachwuchses überall zeigen sollte. Allerdings: Man kann es kaum häufig genug sagen.

Fangen wir vorne an: Wir zeigen von uns ständig alles im Netz. Ein großer Teil der Nutzer hat jegliche Kontrolle darüber verloren, was wann und wie gezeigt wird. Es ist eine permanente Jagd nach Anerkennung, ein Buhlen um die meisten Likes, die uns die Bestätigung bringen, die wir sonst nur schwer erhalten. Denken wir.

Es gibt ungeschriebene Regeln im Netz. Eine davon: Kinder und Katzen gehen immer. Wer von einer der beiden Gruppen Bilder postet, der kann sicher sein, dass die Resonanz bestätigungsergiebig ist.

Es ist also kein Wunder, dass Facebook-Nutzer vermehrt solche Bilder posten. Aufmerksamkeit ist die neue Währung im Internet und wir kaufen uns davon ein gutes Gefühl. Das Gefühl, gemocht zu werden, hübsch und interessant zu sein.

Sobald aber Fotos von den Kindern gepostet werden, kommt eine zweite Person ins Spiel. Ein Mensch, der sich nicht wehren kann, der nicht sagen kann: „Ich möchte nicht, dass Du mich zeigst.“ Der Großteil der Eltern geht davon aus, dass es den Kindern gefällt, 37 Likes dafür zu bekommen, weil sie das erste Mal das Töpfchen nutzten

Denken Sie einmal an die letzte Familiengeburtstagsfeier zurück, auf der die bereits vergilbten Foto-Alben herausgeholt wurden. Kreischen Sie bei der Erinnerung daran schon panisch auf? Kinder-Fotos sind eine intime Sache; kaum einer von uns zeigt wildfremden Menschen, wie er mit zwei Jahren das ganze Gesicht voll mit Schokoladeneis hatte, aus Gründen der hygienischen Sicherheit nur eine Windel an.

Aber wir finden das bei unseren Kindern süß und zeigen ungefragt jedem bei Facebook oder Twitter, in unserem Blog oder bei Instagram diese Bilder. Meist ohne entsprechenden Privatsphären-Schutz.

„Ich weiß nicht, ob meine Tochter es toll findet, wenn sie in zehn oder 20 Jahren liest, was ich über sie schrieb und welche Bilder ich zeigte“, sagte einmal eine Freundin, nachdem sie ihren Blog gelöscht hatte. Dort hatte sie bis zur Entbindung höchst amüsant über die Strapazen der Schwangerschaft geschrieben, dann aber, als die entzückende Tochter zur Welt gekommen war, abgebrochen: „Ich denke, ich würde mich als Kind darüber nicht freuen. Über die Geschichten aus der Schwangerschaft: ja. Danach? Nein.“

Niemand möchte die Kinderbilder in den Sozialen Netzwerk verdammen. Eltern sollten sich nur häufiger fragen, ob sie selber so gezeigt werden wollen würden; und sich Gedanken über ihre Privatsphäre-Einstellungen machen. Ganze Alben, zugänglich für jeden, vom letzten Badeausflug mit der kleinen Tochter, vom Sohnemann während seiner ersten Planschbecken-Erfahrung – machen wir uns nichts vor: kein „Like“ der Welt ist es wert, über die Privatheit seiner Kinder zu bestimmen.

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