Wie analog kann digital?

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Es ist Sommer. Es blühen die Blumen in wunderschönen Farben, die Sonne taucht alles in warmes Licht: Es ist eine tolle Zeit für ausgedehnte Fototouren. Immer beliebter: Lomografie. Wir haben uns vier Apps für das iPhone angeschaut, die den einzigen Look dieser Fotos nachbilden. Ein Gastbeitrag von Fee-Jasmin Rompza.
Lomography ist gerade so angesagt wie nie. Die größtenteils billigen Plastikkameras mausern sich in Hipsterkreisen zum schicken Accessoire. Wer etwas auf sich hält, schleppt im Sommer seine Diana F+ zum Grillen am See und bannt mit der Fisheye die schönsten Festivalmomente auf Film. Aber warum zusätzliches Gepäck und Kosten auf sich nehmen, wenn der App Store mit ungezählten Anwendungen lockt, die Lomo-Effekte im Handumdrehen zaubern? Wir haben vier Apps auf ihren analogen Zahn gefühlt.

Hipstamatic

Hipstamatic

Hipstamatic

Hipstamatic ist die Mutter aller Retro-Foto-Apps und in Handhabung und Benutzeroberfläche die wahrscheinlich „analogste“ von allen. Freunde von schön designten Apps schätzen die liebevolle Optik, die einer alten Filmkamera nachempfunden ist. Aus verschiedenen Gehäusen, Linsen, Filmen und Blitzen lassen sich viele Filterkombinationen zusammenstellen – zumindest wenn man gewillt ist, das Repertoire des Basispakets durch in-App-Käufe ordentlich aufzustocken. Das Ergebnis der gewählten Mischung gerät zur Überraschung, denn genau wie bei einer analogen Kamera sieht man das Ergebnis erst nach der „Entwicklung“. Im Gegensatz zu den meisten anderen Apps dieser Klasse verfügt Hipstamatic nämlich weder über die Möglichkeit, Bilder aus der Camera Roll zu laden, noch über einen Live View, der eine Vorschau auf das Ergebnis ermöglicht.

Auch die Wahl des (bei Hipstamatic immer quadratischen) Bildausschnitts erinnert an die klassische analoge Fotografie. In der Standardansicht schaut man durch einen kleinen Sucher, der die endgültige Komposition eher erahnen lässt. Mittlerweile wurde den digitalen Gewohnheiten allerdings Rechnung getragen und ein optionaler Präzisionssucher sowie die Möglichkeit den Sucher auf Displaygröße zu zoomen integriert. Dieser Schritt weg von den analogen Ursprüngen ist aber bisher auch das einzige Zugeständnis. Was den (zumindest teilweise) unberechenbaren Effekt betrifft, bleibt Hipstamatic seiner Linie noch treu.

Hipstamatic

Hipstamatic

Die verfügbaren Hipstamatic-Filter sind mehrheitlich recht dominant und schnell als solche zu erkennen, vor allem auch weil sie zwingend mit Rahmen kombiniert werden. Im Vergleich zu echten Lomo-Aufnahmen decken sie nur daher nur ein relativ extremes optisches Spektrum ab. Das kann schön sein, aber auch relativ schnell eintönig werden, vor allem wenn man sich auf das Basispaket beschränkt und wenig Zeit mit der App verbringt. Erst durch Erfahrung und viel Ausprobieren bekommt man als User genau wie bei analoger Fotografie ein Gefühl für gute Kombinationen aus Filtern, Rahmen und Motiven. Aber selbst wenn man irgendwann eine gewisse Routine entwickelt hat, muss man gegebenfalls vor jedem Auslösen Filter und Filme wechseln, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Das kann durch das relativ umständliche Handling länger dauern kann als bei anderen Apps. Zwar ist es durch die „Shake-to-Shuffle“ Funktion möglich, auf die Schnelle eine willkürliche Ausstattungskombination zu generieren, aber das Risiko auf diese Weise ein unbrauchbares Foto zu erhalten, ist hier noch höher als ohnehin schon. Da die unbearbeiteten Originale nicht gespeichert werden, ist ein einzigartiger Moment so schnell dahin. Für Schnappschüsse (und Lomography wird nicht umsonst auch als Schnappschussfotografie bezeichnet) ist Hipstamatic daher nur begrenzt geeignet.

Hipstamatic kostet in der Basisversion 1,79 Euro, Zusatzpakete sind zwischen 0,79 Euro und 3,59 Euro zu haben.

PuddingCamera

PuddingCamera

PuddingCamera

Die koreanische App Pudding Cam(era) ist wesentlich einfacher gehalten als Hipstamatic, dafür aber auch kostenlos. Aus neun verschiedenen Kameras und acht Filmen lassen sich insgesamt 72 Varianten kombinieren. Die Bedienung ist intuitiv und schnell erlernt. Hübsch gemacht ist die übersichtliche Präsentation der Kameravarianten, die optisch eng an die analogen Vorbilder angelehnt sind und bei Lomofans für einen schnellen Wiedererkennungseffekt sorgen. Als kleines Extrafeature punktet die App mit einer Belichtungskorrektur.
Die Filme sind abwechslungsreich und bieten von normalen Farbaufnahmen und Schwarz-Weiß-Fotos über besonders gesättigte Farben hin zu ausgewaschenen Vintage-Varianten ein gut ausgewogenes Spektrum. Bei den Kameratypen sind neben normalem Kleinbildformat, quadratischen Aufnahmen und Panoramafunktion vor allem die bekannten Lomo-Varianten Fisheye und diverse Multilinsenoptionen erwähnenswert. Letztere arbeiten allerdings mit einem recht ausgeprägten Versatz, der dem analogen Vergleich nicht wirklich standhält. Außerdem ist die App nicht in der Lage, Bewegungen qualitativ ansprechend darzustellen. Der Reiz, der eigentlich durch diese eher spielerischen Varianten ausgeht, die in der Regel für „Action“-Fotos verwendet werden, hält sich daher in der digitalen Umsetzung in Grenzen.

Die App gibt es kostenlos hier. 

InstaFisheye und Reflex

Reflex

Reflex

Die letzten beiden Apps kommen vom selben Hersteller und sind vollkommen identisch aufgebaut. Während InstaFisheye naheliegenderweise nur Fisheye-Effekte ermöglicht, ist Reflex an eine zweiäugige Mittelformatkamera angelehnt und macht daher nur quadratische Bilder. Während man bei InstaFisheye zwischen fünf verschiedenen Fisheye-Typen wechseln kann, besteht bei Reflex die Auswahl aus einer ganzen Reihe an Rahmen, die von Sucheroptik über Instantrahmen hinzu verspielten und floralen Mustern reichen. Beide Apps bieten zahlreiche, abwechslungsreiche Filter, viele müssen allerdings über in-App-Käufe hinzugebucht werden. Wer die App bewertet, bekommt aber ein paar Pakete gratis oben drauf.

Fisheye

Fisheye

Im Vergleich zu Hipstamatic und Pudding Camera sind InstaFisheye und Reflex am weitesten vom Handling einer echten Lomokamera entfernt. Die Kombinationsmöglichkeiten aus Filtern und Rahmen ermöglichen allerdings die optisch vielfältigsten und gefühlt „analogsten“ Bilder aller getesteten Apps. Als digitales Zugeständnis können hier auch Bilder aus der Camera Roll geladen und die Ergebnisse der Aufnahmen schon vor dem Auslösen im Live View betrachtet werden. Wer bereit ist, ein bisschen was auf den Tisch zu legen, kann mit diesen beiden Apps die vermutlich befriedigendsten Resultate erzielen.

InstaFisheye kostet im Basispaket 0,89 Euro, Reflex ist für 1,99 Euro zu haben (im Moment kostenlos) – zusätzliche Effekte und Rahmen kosten pro Set 0,89 Euro.

Fazit

Analog und digital sind nur begrenzt vereinbar. Man muss auf der Suche nach einer Lomo-App daher wissen, was man will. Wer Spielereien liebt, sich gerne auch etwas Zeit nimmt und nach dem analogen Bediengefühl sucht, ist bei Hipstamatic richtig aufgehoben. Frustration über potentiell schlechte Ergebnisse ist allerdings ebenfalls im Paket enthalten. Wer seine Ergebnisse gern direkt kontrolliert, sicher gehen möchte und lediglich die Lomo-Optik der fertigen Bilder schätzt, greift besser zu InstaFisheye und Reflex. Für alle, die am liebsten gratis zum Ziel kommen und nicht die höchsten Ansprüche an Auswahl und Bildqualität stellen, bietet PuddingCamera eine abgespeckte Lösung an, die einfach und schnell zu bedienen ist. Für alle Apps gilt jedoch: Nur wer seinen Hintern hochbekommt, hat am Ende die schönen Motive. Also ab nach draußen und den Sommer einfangen. Das ist ein Befehl!

Zur Autorin:

Fee-Jasmin Rompza bloggt auf Fee Ist Mein Name über Fotografie, Kochen, Reisen und Do It Yourself. Mit ihren Lomo-Fotografien gewann die Dortmunderin bereits einige Preise.

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