Editorial

Braucht kein Mensch

26. Mai 2013 | 12:00 Uhr 5

Innovationen gehen in der Regel mit einem gesellschaftlichen Phänomen einher, das die Angst vor eben diesen Neuerungen artikuliert – dem Kulturpessimismus. Kaum wird eine neue Technologie vorgestellt oder ein revolutionäres Konzept in der Öffentlichkeit diskutiert, findet sich ein Hiob, der den Untergang des Abendlandes heraufziehen sieht.

Braucht kein Mensch

Als Ende der achtziger Jahre C-Netz-Telefone langsam bezahlbar wurden, schlug mein Vater zu. Er ließ sich eines dieser hochmodernen Geräte in seinen Firmenwagen einbauen. Groß wie ein Schuhkarton, zehn Kilogramm schwer, zwei Stunden Akkuleistung. Als Selbstständiger, der viel unterwegs war, wollte er auch mobil erreichbar sein, um flexibel auf die Anforderungen seines Berufs reagieren zu können. Die Kommentare seines Nachbarn waren weniger enthusiastisch: „Braucht kein Mensch.“

Die Argumente des Mannes waren stichhaltig: Es gebe ja überall Telefonzellen, im Büro säße schließlich eine Sekretärin und überhaupt, man solle ja nicht so viel telefonieren, das brächte doch nichts. Kurz darauf fiel die Mauer. Mein Vater war von Stund an an diversen Projekten in der ehemaligen DDR beteiligt. Hier hätte er in den ersten Jahren wohl jedes Mal einen Dorfgasthof mit Telefon suchen müssen, um seine Arbeit erledigen zu können, wäre er nicht autark mobil erreichbar gewesen. Ja, er hätte seine Arbeit auch ohne das teure, schwere Telefonmonster erledigen können. Aber eben erheblich langsamer und schlechter.

Ähnlich erging es den Besitzern der ersten Mobiltelefone. 1999 kaufte ich mir mein erstes eigenes Handy, ein Siemens C 25. Geschäftlich habe ich seitdem keinen Tag verbracht, an dem ich nicht mehrfach dieses Gerät oder einen seiner vielen Nachfolger verwendet hätte. Im Freundeskreis wurde meine Neuerwerbung jedoch misstrauisch beäugt. „Privat braucht das doch kein Mensch. Und was soll das mit den SMS? In 160 Zeichen etwas schreiben? Das geht doch gar nicht!“ Offensichtlich geht es doch und offensichtlich besteht ein gewisser Bedarf an dieser Art der Kommunikation: 95 Prozent der Weltbevölkerung besitzen inzwischen mindestens ein Mobiltelefon; mit SMS haben Mobilfunkkonzerne unglaubliche Umsätze generiert und mobile Kommunikation ist aus dem Alltag der meisten Menschen nicht mehr wegzudenken.

Tausend (nicht so) gute Gründe

Smartphones? Braucht kein Mensch. Tablets? Braucht kein Mensch. Dafür gibt es zahllose Argumente, ich will an dieser Stelle einige zitieren. In einem Artikel aus dem Jahr 2012 (!) werden zehn Gründe aufgeführt, warum Smartphones unnötig sind:

„1. Ist ein Smartphone überlebenswichtig?“

Nein. Unterhosen aber auch nicht. Die meisten von uns tragen trotzdem eine.

„2. Vorsicht: Smartphones machen abhängig“

Ja, machen Sie. Vor allem, wenn man mehr als ein Dutzend davon am Tag verzehrt.

„3. Facebook, Twitter, WhatsApp, und Skype gibt es ebenfalls für ältere Handys!“

Und mutmaßlich gibt es einen tieferen Sinn hinter der Herangehensweise, neueste Technologien auf möglichst langsamen und alten Geräten zu nutzen.

„4. Spiele? Das können PC und Handheld-Konsole besser“

Deswegen habe ich auch immer einen PC dabei, wenn ich unterwegs bin.

„5. Akku-Laufzeit für weniger als einen Tag? Das nervt.“

Stimmt. Aber wer ein Smartphone im Dauereinsatz hat, hat auch einen Akku-Extender dabei.

„6. Smartphones – Leistungsstark aber zerbrechlich“

Eigentlich schade, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, Schutzhüllen für diese Geräte zu erfinden.

„7. Sie werden niemals das neueste Modell besitzen“

Verdammt. Dann kann man sich ja nicht mehr aus dem Haus trauen.

„8. Retro ist cool!“

Aus diesem Grund trage ich ausschließlich Oberbekleidung aus dem Second-Hand Shop und fahre ein Damenrad Baujahr 1961.

„9. Diebe rauben keine alten Handys“

Das ist aber nett von den Dieben, dass sie Gerätetyp und Baujahr des Mobiltelefons erst genau prüfen, bevor sie meinen Rucksack stehlen.

„10. Smartphones kosten viel Geld“

Denn 150 Euro für ein solides Android-Gerät können sich in Deutschland statistisch nur etwa 0,003 Prozent der Bevölkerung leisten.

Die andere Seite der Medaille

Ähnliche Argumente lassen sich noch zuhauf an den Haaren herbeiziehen. Selbstverständlich kann man über Sinn und Unsinn von Geräten streiten, die sich als Unterhaltungselektronik gebrauchen lassen. Wer aber glaubt, dass diese Art der Beschäftigung ‚kein Mensch braucht‘, übersieht die ihr innewohnende Innovationskraft:

In dieser Woche hat eine 18-jährige US-Amerikanerin beim ‚Intel Young Scientist Award‘ 50.000 Dollar Preisgeld erhalten, weil sie einen Doppelschicht-Kondensator erfunden hat, der innerhalb von 30 Sekunden aufladbar ist. Selbstverständlich handelt es sich noch nicht, wie in der Presse sofort kolportiert, um einen ‚Super-Akku‘ für Smartphones, sondern um eine Grundlagenarbeit, die noch Jahre von einer industriellen Anwendung entfernt ist. Interessant ist diese Nachricht jedoch aus anderen Gründen. Die junge Dame gibt nämlich an, dass ihre Motivation aus dem Problem erwuchs, dass der Akku ihres Telefons immer zu schnell leer sei und sie lange Ladezeiten in Kauf nehmen müsse.

Es ist nur schwer vorstellbar, dass sich Menschen wie Eesha Khare von ‚braucht kein Mensch‘ bremsen lassen. Oder bremsen lassen sollten. Wahrscheinlicher ist, dass wir in absehbarer Zeit ihre Erfindung nutzen, in Bereichen, die unser Leben verändern und die wir heute noch nicht absehen können. Oder dass der nächste 18-Jährige um die Ecke kommt, der etwas erfindet, das ‚kein Mensch braucht‘.

Titelbild: Apple

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  • mark

    Technik ist mal Fluch und mal Segen. Haben wir uns in den frühen 90ern noch an der Beule in der Hose erfreut, die ein Handy damals erzeugte, kann es nicht dünn genug sein. Smartphones gehören ins Stadtbild, irgendwie, mir erschließt sich eben der Grund noch nicht so ganz. Muss ich immer und überall erreichbar sein? Muss ich mich von der Technik so in Beschlag nehmen lassen und jeden ach so wichtigen Trend mitmachen? Nein. Im Gegensatz zu meinem gesamten Umfeld bin ich gerne der arme verwirrte, der noch ein SonyEricsson W890i besitzt, ein HANDY. Kein whatsapp, kein Skype, kein Twitter. Das Leben kann manchmal echt entspannend sein, während alle um einen herum fürchterlich gestreßt wirken und alle paar Minuten auf ihren Touchscreen starren. Als Verfechter glaube ich eh daran, dass das alles wiederkommen wird 🙂
    Mark (markyvogt, follower)

  • Chris

    Manchmal hamse aber auch recht: Atomkraft braucht kein Mensch; Schikanen vom Jobcenter braucht kein Mensch, A 100 braucht kein Mensch etc.

  • Herr Alpenheini

    Es ist ja nicht nur so, dass wir das ganze Zeug gar nicht brauchen, sondern es belastet uns auch zusehens mehr. Aber darum geht es überhaupt nicht. Wir leben nunmal in einem Wirschaftssystem, das auf Wachstum angewiesen ist. Man könnte also die Sachen einfach wegschmeißen und neue kaufen, das wäre am besten für alle.

    Wir können uns zwar den ganzen Plunder kaufen, aber nicht die Zeit die wir bräuchten, um damit halbwegs Sinnvolles anzustellen. Zeit ist Geld und das sieht man daran, dass die privaten Sender einem wertvolle Lebenszeit stehlen mit billigen, schlechten Sendungen.

    Das alles wäre ja nun nicht so schlimm, wenn es nicht alarmierende Engpässe bei den Ressourcen und andere Probleme gäbe. Daher lohnt es sich schon zu überlegen, ob wir so weiterleben wollen, denn irgendwann klappt die Sache so nicht mehr.
    Hierbei stellt sich mir (und das muss aber jeder für sich selbst klären) die Frage nach der eigentlichen Zielsetzung, nach dem Menschenbild das man hat. Für mich ist es eigentlich schon eine interessante Idee, jedem einzelnen Menschen auf diesem Planeten ein halbwegs menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Schon aus Eigennutz sollten wir das anstreben, denn sonst gibt es massive Probleme mit der rasch wachsenden Bevölkerung.

    Sie reden in ihrer Frage ja primär von Unterhaltungselektronik. Ich finde, man müsste schon viel früher Kindern ermöglichen, ihr Leben wie ein Spiel nachzuspielen und zu modellieren. So wie man früher mit dem Kaufladen gespielt hat könnte man heute auch mit Apps sein Leben simulieren. Was passiert wenn ich krank werde? Was kommt auf mich zu? An wen kann ich mich wenden?

    Das Problem ist doch heutzutage die Entfremdung vom eigenen Leben und selbst. Ich tauche in Welten ein, die mit mir und der eigenen Phantasie gar nichts mehr gemein haben. Ich chatte mit Leuten, die ich nie zu Gesicht kriegen werde. Ich schaue Sendungen, in denen fremde Menschen ihre Gefühle offenbaren und die extremsten emotionalen Momente erleben, weiß aber nicht, ob mich das überhaupt was angehen soll.
    Gleichzeitig findet eine emotionale Verflachung und Verarmung dem realen Menschen neben mir statt. Warum interessiert mich der Hanswurst bei RTL, der seine Schulden nicht in den Griff kriegt und deswegen ein Bordell gründet auf dem Mars mit Heidi Klum als Putzfrau, statt mal die Bäckereifachverkäuferin anzulächeln, weil sie heute scheinbar mit dem falschen Fuß aufgestanden ist…………………………….;-)

  • Thomas D.

    Sehr treffend formuliert Herr Franke. 🙂

  • He Ha

    Wer ist dafür einen Altersfreigabe für Kinder und Jugendliche zu machen? Mindestalter: 16 Jahre? Nicht früher. Nach dem Starten des ,,Smartphones“ den Gerburtstagsdatum eingeben und danach den PIN? Das ist es! Wofür gibt es Computer, MP3-Player und Fotoapparate? Und nicht die Spielekonsolen vergessen!

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