Whatsapp wird kostenpflichtig

Freibier für alle!

Christian Franke 25. November 2012 | 12:00 Uhr 5

iPhone-Besitzer sollten die folgende Situation kennen: Sitzt man mit Eigentümern anderer Smartphones in fröhlicher Runde, erntet man beim Vergleich der Apps schnell mitleidig-wissende Blicke. Ach ja, bezahlen. Das muss man ja nur bei Apple. Wir kriegen diese App ja kostenlos. Und die kann mindestens genauso viel!  Besonders lange dürfte diese Schadenfreude aber nicht mehr anhalten.

Als Anfang dieser Woche die Meldung die Runde machte, dass Whatsapp, eine der verbreitetsten Kommunikations-Apps, demnächst für alle Smartphones kostenpflichtig werden solle, ging ein mittelschweres Beben durch die Fangemeinde der betroffenen Systeme. Eine App für Android? Kostenpflichtig? Für… richtiges Geld? In diversen Foren schlagen seitdem die Wellen hoch, Umgehungsstrategien und Konkurrenzprodukte werden heiß diskutiert, Argumentchen werden an den Haaren herbeigezogen und ein böser Blick wird über den Zaun auf die Apple-Jünger geworfen – diese sollen nämlich nicht erneut zur Kasse gebeten werden.

Finanzieller Ruin

Die Summe, um die derzeit so heiß gerungen wird, sind sagenhafte 99 US-Cent pro Jahr. Dafür bietet Whatsapp einen praktischen Kurznachrichtenservice, über den auch Bilder und Videos verschickt werden können. Der Versand dieser Nachrichten wird, unabhängig von der Anzahl, nicht extra berechnet. Also kann der Durchschnittsdeutsche diesen Dienst nutzen, wenn er zirka zweieinhalb Minuten seiner jährlichen Arbeitszeit als Gegenwert entrichtet. Selbstverständlich ist die Welle der Empörung ob der unverschämten Forderung nach Bezahlung durch den Anbieter dieses Dienstes erheblich größer als Aufwand und Summe, es geht ja ums Prinzip.

Wenn man dieses Modell nämlich weiter denkt, hätte es mittel- und langfristig wohl schwerwiegende Konsequenzen: Es würde bedeuten, dass die Produzenten von Software Geld für ihre Dienstleistung haben wollen. Weil sie, vollkommen überraschend, von etwas leben müssen.

Milchmädchenrechnung

Nun führen die Anhänger der Kostenloskultur gewichtige Argumente ins Feld. Zum Beispiel, dass die genannte App nicht fehlerfrei sei, ja, dass sie sogar Sicherheitslücken aufweise. Das ist in der Sache richtig. Ebenso richtig ist aber auch, dass hier diejenigen am lautesten lamentieren, die diese App geschenkt bekommen haben. Mit der Herumnörgelei an Geschenken ist das aber so eine Sache. Man musste sie nämlich gar nicht bezahlen, und damit sinkt die Legitimation des Herumnörgelns doch ganz erheblich.

Auch ansonsten sind die Kostenloskulturisten sich für keine Absurdität zu schade. Man zahle ja schon für das Smartphone und den Mobilfunktarif. Selbstverständlich. Ich zahle ja auch für mein Auto und das Benzin. Will ich aber ein Duftbäumchen im Auto anbringen, muss ich es überraschenderweise extra bezahlen. Weil es mit Auto und Treibstoff zunächst herzlich wenig zu tun hat. Und auch von jemand ganz anderem produziert wird.

Freibier ist alle

Gut ist, dass den Freunden der dauergeschenkten Dienstleistung weiterhin Alternativen zu Gebote stehen. Man kann auf Produkte ausweichen, die einen in den unpassendsten Momenten mit Werbebotschaften beglücken. Oder auf Produkte, die sämtliche Daten des eigenen Adressbuchs auf eine Weise verwerten, die dem Anwender weder mitgeteilt wird noch angenehm ist. Alternativ stehen (derzeit) kostenlose Produkte zur Verfügung, die aufgrund Kompatibilität zu einer gewissen Vereinsamung führen, aber eben den Geldbeutel nicht belasten.

Oder man kann für eine Dienstleistung ein paar Cent bezahlen. Und damit nicht nur die Arbeit des Anbieters würdigen und ihm seinen Broterwerb ermöglichen. Sondern auch die eigene Position stärken, wenn es um das Einfordern von Qualität und Sicherheit der Dienstleistung geht.

Bewerten und Empfehlen Sie diesen Artikel

(29 Bewertung(en), Durchschnitt: 4,28 von 5)
Loading ... Loading ...

Ihr Kommentar

5 Kommentare »

  1. inthedarkwelive 25. November 2012 | 13:11 Uhr Antworten

    Leider mangelt es Googles Play Store an Bezahlmöglichkeiten. Während es in den Vereinigten Staaten mittlerweile die von iTunes bekannten Gift Cards gibt, ist man hierzulande noch immer auf eine Kreditkarte angewiesen. Nun hat nicht jeder Google-Kunde eine solche, und so fürchten viele WhatsApp-User zu recht, unseren geliebten Dienst nicht mehr nutzen zu können. Leider ist es ebenso nicht möglich, über bekannte Dienstleister wie PayPal zu zahlen.

  2. Steve (@worldofcrooks) 25. November 2012 | 13:40 Uhr Antworten

    Guten Tag!

    Auch wenn dieses leidige Thema nun zum 2346633. Mal behandelt wurde, möchte ich Ihnen, Herr Franke, dennoch zu einer gelungen Kolumne gratulieren. Ich bin selbst Nutzer eines der “anderen” Betriebssysteme, gehe aber mit Ihrer Aussage konform.
    Das Credo “Gute Arbeit darf gerne etwas kosten” ist aber auch in der Welt der Äpfel nicht wirklich häufiger anzutreffen. Ja, es wird prinzipiell mehr Geld für iOS-Apps ausgegeben, aber nicht selten auch “zwangsweise”. Was aber mit daran liegt, daß äquivalente Apps – zum Beispiel für die Androidplattform – werbefinanziert sind und somit (primär) kostenfrei angeboten werden können.

    Die Gegenargumentation der “alternativen” Nutzer, daß für Android und dessen Play Store die Bezahlmöglichkeiten begrenzt sind, ist sicherlich korrekt, aber längst nicht mehr ein Totschlagargument. Mittlerweile bieten viele der “großen” Mobilfunkanbieter die Möglichkeit, Appkäufe über die Mobilfunkrechnung abzurechnen. Einzig Nutzer von PrePaid-Anbietern sind dabei ein wenig ausgegrenzt. Aber auch dort wird sich in naher bis mittelfristiger Zukunft etwas ändern (Stichwort: Gutschein-Karten).

    Einen schönen Tag noch!

  3. Michael "sonnenhexer" Kupfer 25. November 2012 | 17:26 Uhr Antworten

    Ein sehr guter Artikel, denn viele Nutzer vergessen, dass die Entwickler nicht nur von Luft und Liebe leben können.

    @inthedarkwelive es gibt genügend virtuelle Kreditkarten, die man nutzen kann, die man vorher aufladen muss, von daher lasse ich das Argument Kreditkarte nicht gelten.

  4. Steve 25. November 2012 | 18:06 Uhr Antworten

    Man kann bei Play durchaus auch den Betrag über die Mobilfunkrechnung abrechnen lassen. …

  5. lem0che 25. November 2012 | 18:32 Uhr Antworten

    das problem mit dre kreditkarte lässt sich durch aufladbare kreditkarten leicht umgehen… viel teuerer als normale sind die nicht und man kann sie sich an fast jeder tankstelle kaufen… ist sowieso sicherer falls die daten irgendwo verloren gehen, ist halt höchstens der aufgeladene betrag weg… und nicht das konto geräumt…
    abgesehen davon wären mir allerdings gutscheinkarten wie bei itunes auch lieber…

Ihr Name (Pflichtfeld)

Ihre E-Mail-Adresse (Pflichtfeld)

Name des Empfängers (Pflichtfeld)

E-Mail-Adresse des Empfängers (Pflichtfeld)

Ihre Nachricht (optional)