Editorial

Das Schlechteste im Menschen

Ulrike Bertus 13. Januar 2013 | 12:03 Uhr 0

Twitter und Facebook sind eigentlich zur Kommunikation da: Freunde treffen, Menschen kennenlernen, Kontakte halten und sich selber ein wenig produzieren – und das alles aus der Ferne. Einen entscheidenden Nachteil hat das alles jedoch.

Wann haben Sie einem Menschen das letzte Mal ins Gesicht gesagt, dass Sie ihn peinlich, langweilig und unerträglich finden? Vermutlich ist das schon eine lange Zeit her, wenn Sie es denn überhaupt je getan haben. Für gewöhnlich verzichtet man darauf, Menschen solche Dinge zu sagen – man geht ihnen dann aus dem Weg und ignoriert sie.

Das ist im Internet sogar noch einfacher, das aus dem Weg gehen. Freundschaft bei Facebook gekündigt, bei Twitter entfolgt – und schon ist der Kontakt weg. Warum sich mit Menschen aufhalten, die man nicht mag? Das denken sich die meisten Nutzer zumindest. Aber es gibt einige, für die fängt der Spaß beim Nichtmögen erst an.

In den Sozialen Netzwerken ist es einfach, andere zu beleidigen, in Misskredit zu bringen – ohne konkret werden zu müssen. Bei Twitter heißt das Nonmentions, bei Facebook vermutlich auch (und ja: Es gibt auch positive Nonmentions. Um die soll es hier aber nicht gehen). Ohne den Namen zu nennen wird die gemeinte Person so beschrieben, so auf einen Post oder Tweets reagiert, dass alle anderen wissen, wer mit den folgenden Beleidigungen gemeint ist. Und weil kein Name genannt wird, können danach unschuldig die Hände gehoben werden. Man habe es nicht so gemeint, nicht gewusst, alles ein Zufall. Mehrmonatige Zufälle sind das hin und wieder. Einen Troll könnte man melden, aber einen Nonmentioner?

Das Problem: Es ist so leicht jemandem nicht gegenüber zu stehen und zu beleidigen. Wer dem anderen nicht in die Augen sehen muss, dem fällt es leicht, zu verletzen. Deshalb wird es auch immer beliebter, per SMS oder Chatmessage Beziehungen zu beenden. Dem anderen nicht gegenüber zu stehen, ist einfach zu leicht.

Das Internet kann so nicht nur das Beste aus uns herausholen: die Kreativität großartige Posts zu verfassen, schöne Bilder zu fotografieren und anderen Komplimente zu machen. Es kann auch das Schlechteste in uns hervorlocken: fehlendes Benehmen, die Fähigkeit, Dinge und Menschen einfach zu ignorieren, wenn sie einem nicht passen.

Wer über den Dingen steht kann leicht sagen: Ignorieren! Wer nicht den Mut hat, anderen ins Gesicht zu sehen und die Beleidigungen zu wiederholen, hat vermutlich selber das größte Problem: Unzufriedenheit mit sich. Beleidigungen sind immer auch ein Stück Selbstreflektion. Aber das Internet vergisst nicht, bei Facebook und bei Twitter lesen bis zu Tausende Nutzer mit. Und auch wenn nur ein Bruchteil versteht, was dort gerade passiert – es sind keine Beleidigungen unter vier Augen, es sind Kränkungen in der Öffentlichkeit.

Diese Person als Betroffene oder Betroffener zu blocken oder zu löschen, bringt nur wenig. Und es hat zur Folge, dass man selber überhaupt nicht mehr sieht, was über einen geschrieben und verbreitet wird – aber möchte man das? In den meisten Fällen bleibt nur abwarten: Irgendwann – so zu hoffen – wird es für den Anderen langweilig. Und wer selber einmal kurz davor ist, selber zu verletzten, sollte sich einfach fragen, ob man selber so behandelt werden möchte. Denn die Antwort ist: Nein.

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